Das Jobcenter hat zuviel Geld übrig


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©pixabay/Geralt

'Neustart 2014' so nennt sich ein Seminar, welches das Jobcenter Lüneburg in Zusammenarbeit mit dem Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft anbietet.

Und ich habe die fragwürdige Ehre, an diesem 10tägigen Vollzeit-Seminar teilnehmen zu dürfen - oder sagen wir besser teilnehmen zu müssen. Denn die Sachbearbeiterin vom Jobcenter, bei der ich heute morgen einen Termin hatte um über meine 'berufliche Situation' zu sprechen, hatte nichts besseres zu tun, als mich zu diesem Seminar zu vergattern.

Gespräch über die berufliche Situation????

Zum einen hat sie mit mir über meine berufliche Situation nicht ein Wort gesprochen. Was soll sie da auch großartiges erzählen. Ich werde voraussichtlich zum 1. Februar arbeitslos sein. Zum anderen kennt sie mich zu wenig, um überhaupt was besprechen zu können. Denn ich habe sie heute zum ersten Mal gesprochen.

Im Grunde hat sie nur das getan, was schon die Sachbearbeiterin am letzten Mittwoch getan hat: Meine Daten kontrolliert.

Dabei führe man sich einmal den Inhalt des Seminars vor Augen!

Wörtlich heißt es in dem Flyer zum Seminar:

Ziel des Lehrganges 'Neustart 2014' ist die Erarbeitung eines individuellen Bewerberprofils und gemeinsam Wege für die berufliche Zukunft zu entwickeln und herauszufinden,

  • welche Interessen Sie haben
  • welche Fähigkeiten in Ihnen stecken
  • welche Tätigkeit zu Ihnen passt

In dem zweiwöchigen Lehrgang helfen wir
Ihnen
Ihre eigenen Stärken und Schwächen zu
erkennen.
Wir unterstützen Sie, vorhandene
Kompetenzen zu reaktivieren und zu fördern,
damit Sie diese gezielt im Bewerbungsprozess
einsetzen bzw. gezielt daran arbeiten können.

So steht der letzte Absatz wirklich in dem Flyer....

Mal überlegen:

Ich bin mittlerweile 42 Jahre alt, habe eine Ausbildung als Kaufmann im Einzelhandel absolviert, 4 Jahre als Soldat auf Zeit abgesessen und verschiedene Jobs als Kraftfahrer, Telefonist sowie in einem Sportverein hinter mir. Und nun will man mir innerhalb 14 Tagen erzählen, was für Stärken und Schwächen ich habe, welche Fähigkeiten ich besitze und welche Tätigkeit zu mir passt?

Erfahren was man eh schon von sich weiß

Meine Meinung dazu ist, das man so etwas mit einem 25- bis 30jährigen veranstalten kann, der außer seiner Ausbildung und der Tätigkeit in dem erlernten Beruf nichts anderes getan hat.

Ich weiß mittlerweile sehr genau was ich gut kann und was ich weniger gut kann. Außerdem weiß ich nach 40 Jahren auch sehr genau wo meine Stärken und wo meine Schwächen liegen. Dazu brauche ich kein Seminar, wo ich mit 15 bis vielleicht 20 anderen Arbeitslosen zusammengepfercht werde.

Mal ganz zu schweigen davon, das diejenigen die das Seminar leiten wohl kaum ausgebildete Psychologen sind. Im Gegenteil: Wie ich eben in einer Mail-Antwort lesen durfte, nennen die sich Berufsbegleiter - alles klar ?!?!?!. Apropos Psychologe: Den habe ich nach meinem Burn-Out 2008 eineinhalb Jahre konsultiert. Der hat mir auch schon gesagt, wo meine Stärken und wo meine Schwächen liegen.

Auch in der Phase, in der ich meinen Business-Plan für meine damals geplante Selbständigkeit erstellt habe, habe ich mich in einem Vorbereitungs-Seminar mit meinen Fehlern und Fähigkeiten beschäftigen dürfen.

Für jüngere wesentlich sinnvoller

Das werden also wohl sehr sinnfreie, langweilige und stupide 10 Tage. Abgesehen davon das sich in 3 oder 4 Jahren die Gestaltung des Lebenslaufs wohl kaum dermaßen ändert, das meiner nicht mehr dem Zeitgeist entspricht. Gleiches gilt für das Bewerbungsschreiben. Denn nach 2008 hatte ich ein ebenso 'geniales' Seminar, wo man sich 10 Tage mit seinem Lebenslauf beschäftigen durfte.

Bei einem jüngeren Arbeitslosen, der noch dazu auch noch länger dieses Schicksal erdulden muss, wäre solch ein Seminar meiner Ansicht nach wesentlich sinnvoller angebracht. Aber das Jobcenter hat am Anfang des Jahres wohl wieder zuviel Geld zur Verfügung, das jetzt mit vollen Händen zum Fenster hinaus geworfen wird. Am Ende des Jahres sitzen die Seminarleiter dann vor leeren Stühlen, weil die Sachbearbeiter nicht gezielt die Teilnehmer auswählen, sondern weil sie die Teilnahme wie bei einer Streubombe wahllos unter den Arbeitslosen verteilen.

Beitragsfoto: ©pixabay/Geralt

Marcus
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6 Kommentare

  1. Du musst das positiv sehen, du gehst nur 14 Tage zur Maßnahme. Meine Schwiegermutter musste solch eine Maßnahme namens 50+ viel länger ertragen. Im Prinzip konntest du dort mehrere Stunden die Tageszeitung auswendig lernen. 😉

    Mal sehen was du schreibst wenn du erst mal dort warst und ob deine Erwartungen noch weit übertroffen werden. Du kennst doch die Flaschenschiffe, bau dir doch dort eins. Vermutlich hast du dort jede Menge Zeit! 😉

    • Hallo Daniel!

      Ja, die Tanten und Onkels vom Jobcenter sind inklusive ihren Einfällen wirklich nur noch mit Sarkasmus zu ertragen.

      Vielleicht habe ich auch Glück, das ich um die ganze Scheiße noch herum komme. Ich habe am Montag einen Probetag bei einem Kurier- bzw. Paketdienst. Und wenn’s passt, vielleicht wird das dann was. Ist zwar ’nur‘ ein Midijob mit 850 €, aber immer noch besser als Jobcenter und Agentur für Arbeit.

      Evtl. kann ich dann nebenbei mein Nebengewerbe etwas in Schwung bringen. Damit das ein bisschen mehr als 50 € / Monat werden.

  2. Nun, ich glaube so ein Seminar macht keinen Spass. Warum nehmen die nicht dieses Geld und bilden die Arbeitslosen fachlich weiter. Ich glaube das wäre sicher hilfreicher, um einen neuen Job zu finden. Einen Lebenslauf zu schreiben, wie das geht, das kann man überall nachlesen.

  3. Du musst auch sehen das eine tolle Möglichkeit bekommen hast den Bildungsträger und dessen Personal mitzufinanzieren. Gut Spaß bei Seite, sinnlose Qualifizierungsmaßnahmen machen natürlich keinen Sinn und helfen auch niemanden außer dem Bildungsträger.

    Aber auch zeichnet sich die Qualität der Maßnahmen an dem geringen Endgeld ab, den die Bildungsträger noch für einen Kunden bekommen. Die Jobcenter und Arbeitsagenturen sparen hier richtig ein. Das hat natürlich zur folge das Bildungsträger, die sich auf Ausschreibungen bewerben, oder Ihr Konzept anbieten die geforderten Quoten nicht schaffen. Auch gerade deswegen werden Bildungsmaßnahmen häufig nicht verlängert und die Bildungsträger starten dann die nächste Maßnahme unter anderem Namen.

    Selbst die Dozenten sind häufig ständig von der Arbeitslosigkeit bedroht, weil die Maßnahmen vielleicht nicht verlängert werden. So kommt es bei vielen Bildungsträgern zu einen erhöhten Personalwechsel, wenn Sie denn nicht schon gleich freiberuflich da sind.

    Ein weiteres Problem ist natürlich, dass kurze Maßnahmen auch nicht Zertifiziert werden müssen. So ist die Arbeitsagentur oder das Jobcenter natürlich auch angehalten diese Maßnahmen durch einen Mitarbeiter überprüfen zu lassen und zu betreuen.

    Wenn Du ein Arbeitsloser in der Schweiz wärst, würdest Du noch für jeden Tag eine kleine Entschädigung bekommen.

  4. Oh habe ich vergessen zu schreiben:

    Nur ein Verdacht!

    Es kann auch sein das Dein Sachbearbeiter hofft, durch die erhöhte Anzahl an versendeten Bewerbungen, dass Du wieder alleine in Arbeit kommst. Da ein Bildungsträger es kaum schafft Dich während dieser Zeit in Arbeit zu bringen, würde Dein Sachbearbeiter im Falle einer Arbeitsaufnahme bei der Nachbetreuung davon profitieren.

    Angeblich soll die Chance einen Arbeitssuchenden die ersten drei Monate zu vermitteln am höchsten sein.

    • Hallo Christian!

      Ich bin nun das insgesamt vierte Mal in sofern Arbeitslos, das ich mich bei der Agentur für Arbeit oder dem Jobcenter anmelden musste.

      Nicht mitgezählt sind das halbe Jahr nach meiner SAZ 4-Zeit – da ich da ja noch Kohle von der Bundeswehr bekommen habe und das Vierteljahr nach meiner – erzwungenen – Kündigung in meinem Ausbildungsbetrieb.

      Rate einmal, bei wie vielen dieser 4 Arbeitslos-Phasen mir das JC oder die Agentur einen Job vermittelt hat?

      Ich verrate es Dir: nicht ein einziges Mal.

      Die Leute, die sich ‚Sachbearbeiter‘ schimpfen, sind nichts anderes als Verwalter, die darauf achten, das Du Deine Termine einhältst oder ob Du Dich irgendwie anderweitig Fehlverhältst. Auf gut Deutsch: Sie sollen dem Staat Geld sparen helfen, indem sie vom Arbeitslosen Geld zurückfordern oder ihm die Zahlung für eine bestimmte Zeit einfrieren können.

      Sie sind aber nicht dafür da, dem Betroffenen eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt zu beschaffen. Denn wie – bitte schön – sollen sie dazu in der Lage sein? Ein Bürohengst, der sehr wahrscheinlich nie in der freien Wirtschaft gearbeitet hat, der gar nicht weiß, welche Anforderungen welcher Job mit sich bringt, kann gar nicht in irgendwelche Jobs vermitteln. Dazu müsste er schon – wie ich vielleicht – in mehreren Jobs tätig gewesen sein.

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