Roths Teilnahme an Demonstrationen in der Türkei


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Auf google Plus wird gerade heftig über ein Bild diskutiert, das Claudia Roth nach ihrer Teilnahme an den Demonstrationen auf dem Taksim-Platz der Türkischen Stadt Istanbul zeigt. Dort ist sie mit einem völlig geröteten Gesicht zu sehen, da sie zu den vielen Demonstranten gehört, die mit dem von der Polizei versprühten Tränengas in Berührung gekommen ist.

Die Kommentare zu diesem von 'ZDF heute' verbreiteten Foto reichen dabei von Respekt über Hohn bis zu Beiträgen, die unter die absolut Gürtellinie gehen.

Ich bin, um das vorweg zu sagen, (auch) kein großer Fan von Claudia Roth - und von den Grünen. Doch diese unter die Gürtellinie gehenden Kommentare hat sie meines Erachtens absolut nicht verdient.

Sie ist - anscheinend - die einzige Politikerin Deutschlands, die - was wir immer von allen unseren Politikern fordern - nicht nur darüber philosophiert, das andere Europäische Regierungen doch bitte schön die Menschenrechte wahren und mit Demonstranten einigermaßen vernünftig umgehen sollen. Sie mischt sich aktiv mit unters Volk. Das verdient, wie ich denke, durchaus Respekt.

Wahlkampf ist immer

Natürlich kann man diesen 'Auftritt', der - wenn es diesen Tränengas-Angriff der türkischen Ordnungshüter nicht gegeben hätte - vermutlich so schnell gar nicht öffentlich geworden wäre, unter Wahlkampfgetue abhaken. Dieses Argument greift in meinen Augen aber nicht wirklich. Schließlich ist bei uns irgendwie immer Wahlkampf. Schließlich haben wir allein in 2013 noch 3 Wahlen und in 2014 derer sogar 14. Nicht eingerechnet die Wahl zum Europaparlament.

Auch das Argument, sie hätte sich lieber mal bei den Flutopfern an der Elbe und in Bayern blicken lassen sollen, ist für mich ein zweischneidiges Schwert. Nicht wenige Flutopfer sind von dem Katastrophen-Tourismus der Politiker genauso angewidert wie von den Gaffern, die nur mal gucken wollen. Zum einen, weil auch hier das Wahlkampf-Argument als Antrieb gesehen wird und zum anderen, weil sie genau wie die inoffiziellen 'Touristen' an den Deichen und Ufern keinen Handschlag tun.

Wie hat es de Maizière dieser Tage an der Elbe zugegeben, warum er keinen Sandsack in die Hand nimmt: Es wäre ja nur für die Fotografen und Kameraleute.

Blockupy-Demonstranten nicht als Terroristen tituliert

Viele kritisieren Claudia Roths Teilnahme an den Demonstrationen auf dem Taksim-Platz auch aus dem Grunde, weil sie bei den Blockupy-Demos in Frankfurt oder auch bei Demonstrationen gegen Stuttgart 21 nicht teilgenommen hat bzw. nicht teilgenommen haben soll. Zugegeben: Auch hier hat die hiesige Polizei Tränengas eingesetzt und die Demonstrationen eingekesselt. Doch besteht trotzdem noch ein großer Unterschied zu den Demonstranten in der Türkei. Denn zum einen habe ich zumindest hierzulande bislang nicht die von den arabischen Ländern gewohnte Rhetorik vernommen, nach der die Demonstranten ja alles Terroristen seien, die die - angebliche - Ordnung im Land zerstören wollten. Und zum zweiten gingen die Aktionen der Frankfurter Polizei auf Anordnungen der dortigen Stadtverwaltung zurück, nicht auf Weisungen der Regierung respektive des Bundeskanzlers / der Bundeskanzlerin.

Und das Claudia Roth nicht an den Demos gegen Stuttgart 21 teilgenommen hat, stimmt so nachweislich auch nicht.

Wie gesagt, man mag von Claudia Roth halten, was man will. Aber sie hat bislang als einzige/r aktive/r Politiker/in endlich mal aktiv Flagge gezeigt. Und das verdient - egal ob hierzulande alles in Butter ist oder nicht - Respekt. Vielleicht mag sie mit der Aktion diplomatische Verwicklungen heraufbeschworen haben. Aber sie hat damit auch den hierzulande lebenden Millionen türkischen Mitbürgern gezeigt, das ihr das Schicksal ihrer Landsleute nicht völlig egal ist.

Gegen die Wassermassen kann sie nicht ankämpfen. Aber so hat sie wenigstens ein kleines Zeichen gegen staatlich aufoktroyierte Polizeigewalt gesetzt.

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1 Kommentar

  1. Ich kenne diese Kommentare nicht und habe auch wenig Interesse und noch weniger Zeit, sie zu lesen. Politiker-Bashing ist in Mode, aber keiner von denen, die so gerne auf diesen Menschen rumhacken, möchte den Job selbst machen. So viel zu Aufrichtigkeit & co…

    Zu allererst ist sie – und das ist auch etwas, was sehr häufig bei Politiker ignoriert wird – ein Mensch und genauso betroffen von dem Tränengasangriff wie alle anderen Demonstranten. DAS sollte im Vordergrund stehen, statt dessen wird eine Personaldebatte losgetreten.

    Rein menschlich und vollkommen unabhängig von allen politischen Meinungen rechne ich es ihr positiv an, dass sie dort war. Der Fluttourismus – sei es von Medien oder Politiker auf Wahlkampf – ist dagegen abstossend. Wenn sich jemand dort ernsthaft zumindest ein paar Stunden hinstellt und Sandsäcke schleppt, dann würde er – rein menschlich – den gleichen Respekt ernten, wie jeder andere Helfer, aber Fotoshootings? Nein, danke.
    Sebastian letzter Artikel auf dem eigenen Blog: Bin ich Pro?

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