Interne Revoluzzerin gegen das Hartz-IV-System

Hamburger Jobcenter-Mitarbeiterin macht Front gegen das System


Der Artikel besteht aus 1091 Wörtern. Geschätzte Lesezeit: 04:21 Minuten

Ich als langjähriger und wieder Hartz-IV-Bezieher kann ein Lied davon singen, wie von Seiten des Jobcenters mit einem umgesprungen wird. Wobei ich sagen muss, das ich bislang wohl ziemlich Glück gehabt habe. Denn wirklich negative Erlebnisse hatte ich bislang mit keinem Mitarbeiter des zuständigen Jobcenters.

Andere 'Leistungsberechtigte' dürften es da weit weniger gut getroffen haben.

Das das System Hartz IV an sich nicht wirklich greift ist sicher den meisten mittlerweile aufgegangen. Ganz zu schweigen davon das es gegen vielerlei Gesetze verstößt - vor allem gegen das Grundgesetz. Von der Verletzung der Menschenwürde möchte ich hier gar nicht erst sprechen.

Tipps und Ratschläge für Leistungsberechtigte

Doch seit kurzem macht eine Mitarbeiterin des Jobcenters in Hamburg-Altona von sich reden, die das System Hartz IV zu Fall bringen möchte. Ihr Name ist Inge Hannemann.

Ihr Jobcenter ist vor allem für unter 25jährige zuständig.

In einem Interview mit videotonale vom 15.04. diesen Jahres erzählt sie unter anderem von der alltäglichen Taktik in den Jobcentern der Republik. Sie gibt Einblicke in das System Hartz IV und wie es durch die Mitarbeiter in den ehemaligen ARGEn gehandthabt wird. Sie gibt sogar Tipps und Hinweise, wie man sich gegen mögliche Fehler und Repressalien seitens der 'Jobvermittler' und 'Berufsberater' zur Wehr setzen kann.

Wobei - und das haben die meisten wohl schon immer geahnt (ich zumindest habe es) - der Begriff 'Jobvermittler' nicht im Ansatz zutrifft. Nach Ansicht von Frau Hannemann werden die wenigsten Leistungsberechtigten wirklich vom Jobcenter in ein Arbeitsverhältnis des Ersten Arbeitsmarktes - also in einen sozialversicherungspflichtigen Job - vermittelt. Sie spricht davon, das über 90 % nur durch Eigeninitiative und höchstens um die 2 % durch das Jobcenter in einen entsprechenden Vollzeit-Job vermittelt werden.

Das ihr Gang an die Öffentlichkeit weder beim Jobcenter vor Ort noch bei der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg auf Gegenliebe stößt ist klar. Man soll seitens Nürnbergs sogar im Hamburger Sozialministerium vorstellig geworden sein, um die Frau aus dem Jobcenter zu entfernen und in anderen Einrichtungen unterzubringen. Mittlerweile wurde Sie von ihrem Arbeitgeber freigestellt. Bevor Sie ihren Schlüssel abgeben musste, durfte Sie nur noch in Begleitung des Hausmeisters ihr Büro betreten.

Neben den bereits erwähnten Tipps und Ratschlägen für Leistungsbezieher ist an dem 97minütigen Videointerview auch interessant, das Frau Hannemann die echte Zahl der Arbeitslosen in Deutschland auf ca. 8 Millionen Menschen schätzt. Also einem dreifachen der offiziellen Zahl.

Kein Halt vor Vorstand der Agentur für Arbeit

In ihrem Kampf gegen das System, den Sie - wie man einem Beitrag von NDR INFO entnehmen kann - bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte führen will, schreckt Sie auch nicht vor der Vorstandsetage der Bundesagentur für Arbeit zurück. Dem Vorstandsmitglied Heinrich Alt bittet Sie in dem Interview, von seinen - wie Sie es ausdrückt - Lügen Abstand zu nehmen.

Er soll ihren Aussagen zu folge geäußert haben, das Hartz IV Menschen nicht in die Obdachlosigkeit treibe, sie auch nicht depressiv mache und andere Dinge. Wenn - wie bei meinen Recherchen gelesen - der Mann tatsächlich meint, das man mit Hartz IV

intensiv an den Lebensperspektiven der Menschen

Quelle: focus.de

arbeite, kann ich mir solcherlei Aussagen durchaus vorstellen. Der Mensch scheint absolut weltfremd zu sein. Wobei er damit in der aktuellen Politik ja weiß Gott nicht allein dasteht.

Mich macht das von einem Jobcenter Abhängig sein durchaus depressiv. Und mir geht es durchaus auch so wie Frau Hannemann es in dem Interview schildert. Nämlich das (sehr) viele Leistungsberechtigte Angst vor den grauen Briefumschlägen haben. Zumindest aber ein sehr ungutes Gefühl in der Magengegend.

Mir hat das Jobcenter in der Zeit vor meinem letzten Job - den ich mir ja selbst gesucht habe - höchstens 3 oder 4 Jobvorschläge unterbreitet. Und das in 4 Jahren. Aktuell habe ich trotz meines beidseitigen Tinnitus einen Bewerbungsvorschlag für ein Call-Center erhalten. Alles klar??

Auch die Schizophrenie mancher Leute wird an einer Stelle des Interviews deutlich. Sie erzählt dort, das Sie am Wochenende vor dem Interview bei einer Veranstaltung des Bündnisses UmFAIRteilen teilgenommen hat. Und wie ihr - als Sie sich als Jobcenter-Mitarbeiterin outete - von einer teilnehmenden Frau sowohl die hinsichtlich Hartz IV-Beziehern bekannten Vorurteile wie Faulheit und übermäßiger Alkoholkonsum entgegen geschmettert wurden als auch die von allen Medien verbreitete Unwahrheit, das wer Arbeit sucht auch Arbeit finden würde.

Auf ihre Frage, worum sie dann an solch einer Aktion teilnehmen würde, soll die Frau geantwortet haben: Naja, die Bonzen würden zuviel Geld verdienen.

Kritik sogar von Rechtsanwälten

Inge Hannemann betont in dem Interview auch immer wieder, das ihr Kampf, den man auch auf ihrem Blog und auf ihrer Webseite nachverfolgen kann, und die Kritik, welche auch gegen die Jobcenter an sich gerichtet ist, nicht alle Kollegen einschließe. Denn Sie wisse genau, das es auch sehr viele Kollegen gebe die auch den Menschen sehen und die nicht nur ihre Leistungsvorgaben erreichen wollen.

Schließlich würde auch und vor allem das Erreichen dieser Vorgaben über die weiteren Karrierechancen entscheiden. Wer diese Vorgaben nicht erfülle, müsse im schlimmsten Fall auch mit einer Versetzung auf einen Rang-niedrigeren Posten oder bei befristeten Verträgen mit seiner Entlassung rechnen.

Das ihr Kampf gegen das System ihr auch negative Konsequenzen einbringen würde hat Sie geahnt. Aktuell ist eine Petition am laufen, mit der ihrer Unterstützer versuchen wollen, das die gegen Frau Hannemann erlassenen Sanktionen wieder aufgehoben werden.

Dreist finde ich was man kurz vor Schluss des Interviews erfährt. Das Sie Schmäh-Mails und -Briefe ihrer Kollegen bekommt dürfte nicht verwundern. Das Sie aber sogar von Rechtsanwälten Kritik an ihrem Engagement einstecken muss erstaunt zumindest auf den ersten Blick doch ein wenig. Auf dem zweiten, und das äußert Sie auch, verwundert es nicht mehr wirklich. Schließlich verdienen Anwälte an den Sanktionsklagen der Leistungsberechtigten - und das sehr gut. Und wenn die wegfallen würden müssten sich viele Anwälte entweder einen neuen Job oder zumindest ein neues anwaltliches Betätigungsfeld suchen.

Bleibt zu hoffen, das der Triathletin die Luft nicht so schnell ausgeht. Denn wenn Sie wirklich bis zum EuGH ziehen will, braucht Sie einen langen Atem. Dauert ein solcher Weg doch nicht selten ein Jahrzehnt.

Ich finde es mutig und fast sensationell, das aus dem 'inneren Zirkel' heraus es jemand wagt, derart gegen das System Hartz IV vorzugehen. Das verdient durchaus jede mögliche Unterstützung.

Über Marcus 697 Artikel
Ich freue mich über Deinen Besuch auf meinem Blog! Wenn Dir der Artikel gefallen hat, teile ihn doch mit anderen und hinterlasse Deine Meinung. Mehr über mich gibt es hier zu lesen

2 Kommentare

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


CommentLuv - verlinke einen deiner Blog-Artikel