Warum wundern wir uns eigentlich noch….


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Ich bin schon seit langer Zeit regelmäßiger Leser von Thomas' Blog. Auch wenn er für mein Gefühl bei manchen Dingen etwas übers Ziel hinaus schießt. Was aber natürlich verständlich ist.

In letzter Zeit aber fällt mir bei ihm auf, das er scheinbar dem Pfad der typisch deutschen Geiz ist Geil-Mentalität folgt. Diese ist mir absolut zuwider. Wobei ich natürlich auch gerne Geld spare, sofern es möglich ist. Aber ich denke dann auch darüber nach, das die Qualität die ich erwarte ihren Preis hat.

Nun hat er auf seinem Blog einen Artikel über einen Online-Brillen-Kauf geschrieben, in dem er seine Erfahrungen berichtet.  Denn er hat seine neueste Brille in China gekauft. Zwar ist er - was mich für ihn durchaus freut - zufrieden, gute Qualität zu einem günstigen Preis erhalten zu haben. Aber trotzdem ist es aus mir nach dem lesen des Artikels herausgebrochen!

Was mich dabei auf die Palme getrieben hat?

Ganz einfach die Tatsache, das wir China und den Rest der Region immer wieder und immer wieder verteufeln, aber dann  trotzdem empfehlen - so wie Thomas es tut - dort unten doch reinen Gewissens einzukaufen.

Wir alle beklagen die Menschen-Unwürdigen Bedingungen die dort unten herrschen. Aber weil wir Geiz ja Geil finden, fördern und unterstützen wir sie trotzdem fleißig weiter. Frei nach dem Motto: Wasser predigen aber Wein saufen.

China zahlt hier keine Steuern und Sozialabgaben

Denn warum sind die Produkte aus Asien, wie auch Made in China, so unschlagbar günstig - selbst wenn wir noch Zölle und Fracht zahlen müssen? Doch nicht, weil die Arbeitnehmer dort ihren Leistungen entsprechend entlohnt werden. Zudem kennen die meisten Asiaten das Gefühl einer 35- oder 40-Stunden-Woche nicht. Sie dürfen - auch Dank unserer Frage nach dem 'wie gehts denn bitte schön noch billiger' - 60 Stunden und mehr in der Woche keulen.

Das sie den entsprechenden Lohn nicht kriegen versteht sich freilich von selbst. Die meisten kommen trotz 240 Stunden und mehr im Monat nicht über die Runden.

Und - wenn wir beim Beispiel der Brille - bleiben, was macht derjenige der seine Brille in China hat fertigen lassen, wenn die Bügel gerichtet oder ersetzt werden müssen? Was passiert, wenn die Schoner für die Nase ausgetauscht oder neu justiert werden müssen? Fährt man dann nach China um das machen zu lassen?

Natürlich auch nicht! Dann ist der Optiker 'um die Ecke' gut genug. Denn der macht das ja - als Kundenservice - umsonst. Auch dann, wenn er an der Brille selbst keinen einzigen Cent verdient hat.

Wobei: Wieso Kundenservice?

Kunde bin ich - zumindest für mein Verständnis - erst dann, wenn der Verkäufer an mir etwas verdient (hat). In so einem Fall wie dem von Thomas müsste der Optiker eigentlich eine saftige Gebühr dafür nehmen, das er einen Handschlag an etwas macht, das er weder hergestellt noch be- oder verarbeitet hat.

Für kostenlose Dienstleistungen ist der deutsche Unternehmer gut genug

Wir alle wundern uns, das immer mehr Leute auch hierzulande trotz Vollzeit-Job entweder Stütze brauchen oder einen Zweit- wenn nicht sogar einen Drittjob annehmen müssen. Aber warum tun wir das eigentlich?

China zahlt in Deutschland keine Steuern. Aber der Optiker 'um die Ecke' tut es. Chinesische Firmen zahlen auch keine Sozialleistungen in die Deutschen Kassen ein - der Optiker von nebenan tut es. Noch!

Denn er kann nur solange am Markt bestehen, wie wir ihn auch dann in Anspruch nehmen wenn es nicht nur um kostenlose Dienstleistungen geht. Denn daran verdient er - das Wort kostenlos sagt es ja - kein Geld. Und wenn der Chef kein Geld verdient - weil alle in China und im sonstigen Asien einkaufen - kann er logischerweise auch nicht mehr Lohn zahlen.

Die Folge davon ist auch absehbar: Die Angestellten müssen - um die steigenden Lebenshaltungskosten bestreiten zu können - beim Staat um Stütze betteln, oder noch einen oder zwei Nebenjobs annehmen um über die Runden zu kommen.

Wir alle sollten uns langsam mal klar machen, das unsere widerwärtige Geiz ist Geil-Mentalität zum Bumerang werden kann - wenn sie es nicht schon geworden ist. Denn schließlich sind - allerdings nicht nur - am 'Made in China'-Syndrom schon genug Firmen zugrunde gegangen oder haben deswegen ihre komplette Produktion ausgeflaggt / ins Ausland verlegt.

Oder wusstet ihr, das z. B. kein einziger deutscher Hersteller von weißer Ware - Geschirrspüler, Waschmaschinen, Kühlschränken oder Herden - mehr in Deutschland produzieren lässt?

PS: Ich habe gerade erfahren, was Thomas beim Kauf über das Internet gespart hat: ~180 €.

Das ist natürlich harter Tobak, und macht die Entscheidung durchaus verständlicher. Aber es zeigt auch, wie sehr die Asiaten, vor allem auch Dank stattlicher staatlicher Subventionen, die Preise drücken. Nichts desto Trotz: Die Arbeitnehmer leiden als erste darunter...

Marcus
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6 Kommentare

  1. Ich glaube mittlerweile, man muß selber mal ausgebeutet worden sein (geht hierzulande als Zeitarbeiter ziemlich gut), um zu begreifen, daß für Billigware *immer* irgendjemand anderes bezahlt.

    Wie man an Bangladesh sieht, manchmal sogar mit dem Leben.
    Oder – man braucht ja nicht um die halbe Welt reisen – man schaut mal rüber zu Amazon, die aus ähnlichen Gründen gerade wieder einmal in Verruf geraten sind.

    Allerdings wird es zunehmend schwieriger, da nicht reinzufallen. Bei sinkenden Reallöhnen erhält sich das System zu allem Überfluß auch noch selbst am Leben.

    • Ich kenn die Thematik!

      Auch wenn ich bei mir Von Ausbeutung nicht unbedingt sprechen möchte. Doch wenn man für 260 Stunden im Monat gerade einmal 1000 € Netto bekommt, ist das sicher auch sehr nah dran.

  2. Wir konnten unsere „Differenzen“ inzwischen aufklären, von daher will ich das Thema nicht weiter vertiefen. Aber Du kannst die gesellschaftliche Spirale deutlich erkennen. Für 260 Stunden nur 1000 € ist wahrlich kein fürstliche Gehalt. Deine Lebenshaltungskosten wird das allerdings nicht großartig interessieren und Du musst einsparen, ob Du das willst oder nicht. Und letztlich muss man auch „günstige Angebote“ nutzen.

    In diese Spirale begibt sich niemand freiwillig, Du sicher auch nicht. Aber was ändert das, man muss es so hinnehmen. Diese Spirale haben nicht wir – das Volk – geschaffen, es ist die stümperhafte Machenschaft unserer Politiker die wir hier ausbaden dürfen.

    Geiz ist nicht geil, aber eine gewisse Portion Geiz sichert einfach das Überleben 😉 .

  3. Wusste bis jetzt gar nicht, dass man auch Brillen in China anfertigen lassen kann. Dass man überhaupt Einzelanfertigungen in China anfertigen lassen kann. Das ist für mich gerade eine ganz neue Dimension der Thematik. Das Massenware hierherkommt, ok. Aber sogar nun Einzelaufträge ….

    Eine verhängnissvolle Spirale. Man kauft im Ausland um Geld zu sparen. Der Händler verdient weniger und ist nun seinerseits auch gezwungen immer billigere Waren einzukaufen. Wo kriegt er die her? Klar…. Ich bin leider sehr pessimistisch was das alles angeht. Glaube nicht, dass man da durch irgendwelche Regularien gegensteuern kann.

    Aber zumindest im kleinen funktioniert das manchmal besser. Wie in unserem Stadtteil, ca 10.000 Einwohner. Manche Leute kaufen hier sehr bewusst, und nicht in der Innenstadt, weil Sie es sehr schätzen, dass es diese Infrastruktur gibt: Blumenladen, Spielzeugladen auch der Optiker hält sich wacker 😉 Man möchte also einen lebendingen Stadteil, hat einen direkten Vorteil davon, wenn man die Läden unterstützt. Es ist nicht anonym, man kennt die Besitzer der Läden persönlich. Und trotzdem machen immer mal wieder welche zu und andere probieren es auf´s neue.

  4. Ich kann dir nur zustimmen, zum einen China & Co für ihre wenig reizvolle Art und Weise etwas herzustellen zu verteufeln, dann aber dort kaufen um sich ein paar Euros zu sparen ist irgendwie nicht mal im Ansatz ok. Man sollte schon seine Meinung soweit vertreten, dass man konsequent bei ihr bleibt

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